LEBEN IST, WAS ZÄHLT. TRÄNEN AUF DER BANK IM PARK.

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Eine Mami hat wenig Zeit. Und braucht: Wirklich gute Momente.

Es ist ein Mama-Erschöpfungs-Morgen. Einer, an dem man noch vor dem Aufstehen wieder reif fürs Bett ist. Einem die Zeit zwischen den geschundenen Nerven zerrinnt und Körper und Gedanken trotzdem wie gelähmt von den endlosen Minuten der Nacht sind. Lachen oder Weinen? Hanne entscheidet sich für: Laufen. Und bekommt einen überraschenden Moment der Ruhe von jemand Fremden geschenkt…

Die Nacht war keine gute. Ein Mama-Tag entscheidet sich aber an dieser Frage: „Wie war die Nacht?“ – so viel habe ich bereits gelernt. An diesem Dienstag erwache ich (oder habe ich überhaupt geschlafen?) mal wieder, ohne denken zu können. Funktionieren. Stillen, aufstehen, wickeln, trösten, stillen, wickeln. Denken, dass das Baby doch jetzt dringend ein Vormittagsschläfchen braucht. Merken, dass es nur man selbst ist, der schlafen möchte. Während das Baby lieber ausprobiert, wie lange es schon schreien oder quengeln kann und die Mutter mit ihrer Ursachenforschung keinen Preis gewinnt. Versagergefühle legen sich auf die Müdigkeit und die erdrückende Last bekommt durch das eigene Kopfkino noch einen bitteren Überzug. Wo sind die Zuckerperlen und bunten Streusel, die man eigentlich für diesen Kuchen namens Leben bestellt hatte?

Du hast doch jetzt jede Menge Zeit –
oder bist du jetzt auch „so ne Mutter“?

„Du hast doch jetzt jede Menge Zeit“, hatten die zu dir gesagt, die selbst keine Kinder haben. Und du hattest es selbst geglaubt. Auch ich hatte mir diese Monate irgendwie herrlich und süß vorgestellt. Ohne dass ich natürlich „so ne Mutter“ gewesen wäre – also eine, die nicht mehr sie selbst ist. Die nur noch für das Kind lebt und alles andere irrelevant ist. An diesem Dienstag zählt ab 8 Uhr allerdings nur eines für mich: Überleben. Die Zeit irgendwie rumbringen, um am Ende des Tages zu wissen, dass man keine ruhige Minute gehabt hatte. Funktionieren. Fürs Baby. Man hat ja gar keine andere Wahl – das hatte einem vorher leider niemand so deutlich gesagt. Das eigene Ich auf Autopilot schalten. Die Augen vorm eigenen Spiegelbild und dem Anblick der Küche verschließen. Und vor dem bohrenden Gefühl des Versagens. Funktionieren. Egal wie. Um 10 Uhr zu merken: Die eigene Batterie hält nicht mehr lange. Zu realisieren: Sie muss aber. Ich brauche den Notfallplan! Baby einpacken, Jacke überwerfen und mit Kinderwagen und Hund in den Park. Laufen bzw. Gehen. Nach wenigen Minuten habe ich das erste Mal das Gefühl, wirklich atmen zu können. Nach einer halben Stunde hab ich ein schlafendes Baby vor mir und spüre die wärmenden Sonnenstrahlen auf der Hand. Trotzdem schnürt ein dicker Kloß meine Kehle zu und ich könnte Heulen. Wieso ist es so anstrengend? Geht das nur mir so? „Das ist aber ein schöner Hund“ – werde ich in meinen Gedanken unterbrochen. Vor mir steht eine alte Dame mit einer Einkaufstasche auf Rädern hinter sich (nennt man die nicht Hackenporsche?).

Ich erwarte das obligatorische Schöner Hund/ süßes Baby-Geplänkel.
Während die innere To Do-Liste zur Eile mahnt.

Ich erwarte das obligatorische Schöner Hund/ süßes Baby-Geplänkel und hab echt keinen Nerv darauf. Trotzdem bleibe ich stehen. Man gibt sich ja gerne gut erzogen. Und ja, anfangs tauschen sie und ich die üblichen Floskeln. Sie hatte früher auch mal einen Hund. Wie geht es mit Hund und Baby? Ach, es ist ein Bub? Sie hat drei Jungs. Natürlich längst erwachsen und das erste Enkelkind, ein kleiner Carl, ist auch schon da. Sie werden so schnell groß! Ich bin so müde! Aber ich funktioniere auch in diesem Gespräch. Eigentlich will ich eigentlich nur schnell weiter. Die innere To Do-Liste, die automatisch aufpoppt, wenn das Baby schläft, mahnt zur Eile. Ich muss noch das und dann war da auch noch dies und ich sollte dringend, sonst schaff ich das heute nie… doch die alte Frau redet weiter und irgendwie merke ich plötzlich, dass ich ihr weiter zuhören will. Und warum hetze ich mich selbst schon wieder so? Wenn nicht jetzt, wann dann habe ich die Gelegenheit, einfach im Park zu sein und die Zeit Zeit sein zu lassen. Den Moment zu nehmen, wie er ist? Das Baby schläft. Wenn die anderen schon denken, man habe so viel Zeit, dann muss man sich diesen Moment jetzt nehmen. Ohne schlechtes Gewissen!

Sie sagt: „Kriegen Sie am besten alle Kinder direkt hintereinander!“
Ich denke: „Mir ist grad nach allem, nur nicht danach!“

Die alte Dame rät mir, alle Kinder, die ich will, direkt hintereinander zu kriegen. Sie hätte es auch so gemacht und das wäre sehr praktisch gewesen. Mir ist nach allem, nur nicht danach, über solche Sachen nachzudenken. In der Praxis bin ich gerade eher ein Survivor denn ein Planer. Ich höre ihr aber weiter zu. Inzwischen reden wir schon über eine Viertelstunde. Sie sagt, sie müsse sich kurz hinsetzen und geht über den Rasen zu einer Bank unter einem Baum. Ich setze mich dazu. Sie erzählt, dass sie gerade von der Bestrahlung kommt. Krebs. Sie ist schon drei Mal in acht Wochen operiert worden. Ihr Mann ist im September gestorben – ein Glück, dass er ihren Kampf gegen die Krankheit nicht erleben muss. Es hätte ihm das Herz gebrochen. Und sie hätte ihn auch nicht mehr pflegen können. Ihre Kinder kommen nur selten. Aber Himmelfahrt steht ein Besuch an. Sie überlegt jetzt schon, was sie kochen soll. Und hoffentlich wird es ihr an diesem Feiertag gut gehen. Der Krebs bestimmt ihren Alltag. Oft ist sie müde. So müde, dass sie sich eigentlich schon wieder hinlegen möchte, noch bevor sie aufgestanden ist. Plötzlich laufen Tränen. Bei ihr und bei mir.

Es ist ein absurd-kitschiger Moment. Und es ist genau der Zuckerguss,
den ich für diesen Morgen gebraucht habe.

Aus einem Frustspaziergang ist ein absurd-kitschiger Moment geworden. Ich muss an die Menschen denken, die ich mit einer Krebs-Erkrankung kenne. Ich bin unendlich traurig und auf einmal auch demütig. Ich sehe das kleine Bündel Leben im Kinderwagen – und es ist genau der Zuckerguss, den ich für diesen Morgen gebraucht habe. Selbst wenn es fast zu kitschig ist, um es aufzuschreiben. Es fühlt sich gut an. Die alte Dame merkt nicht, dass ich auch ein bisschen weinen muss. Sie entschuldigt sich bei mir, ihre Kinder würden ihr auch immer sagen, dass sie zu viel redet. Aber sie trage nun mal ihr Herz auf der Zunge. Man habe nur dieses eine Leben! Man brauche sich keine Sorgen um sie machen, ihre Jahre seien hart gewesen, aber sie habe immer das Positive sehen können. Selbst ihre Erkrankung habe etwas Schönes: Die Familie sei noch mal näher zusammengerückt. Jetzt müsse sie aber weiter.

Wir haben uns alles Gute gewünscht und sind weitergegangen. Der Tag ist noch stressig und am Abend habe ich wieder das Gefühl, nichts wirklich geschafft zu haben, aber ich muss auch an den Moment auf der Bank denken. Das Leben mit Baby ist nicht immer rosarot, im Gegenteil, aber es ist das Schönste, das es gibt. Ich bin zu müde, meine Familie anzurufen. Aber ich schreibe im Familien-Chat, dass es uns gut geht. Und so ist es ja auch. So viel Zeit muss sein.

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