MAMA SEIT 100 TAGEN – KRISE, LIEBE, HOFFNUNG

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In 100 Tagen entscheidet sich die Politik, der Kurs, einfach alles – das hat mein Chef einmal zu mir gesagt und ich muss in letzter Zeit oft an diesen Satz denken. Mit der 100 Tage-Regel wird gemeinhin einer Regierung zugestanden, sich einzuarbeiten und erste Erfolge vorzuweisen. Seit etwa 100 Tagen bin ich Mama…

Auf manches war ich super vorbereitet, auf vieles gar nicht. 100 Tage unglaubliche Liebe, unfassbar lehrreiche Wochen. Das Baby und ich haben uns beschnuppert, ich habe viel über mich gelernt – und auch über andere (und andere Mütter, das ist aber noch mal ein anderes Kapitel). Und eines steht fest: Diesen Job möchte ich trotz einiger Rückschläge und Krisen nicht mehr hergeben, denn es ist der schönste Job der Welt (Sorry, Chef! Ich komm trotzdem wieder!). Mama sein – das ist für mich: Staunen, stolpern, stolz sein.

Mein Baby ist nach diesen 100 Tagen kein Baby mehr.
Hört sich komisch an, ist aber so. Casimir wächst rasant an mir und meinen Emotionen vorbei. Ich spüre, wenn es ihm nicht gut geht und ich trau mich inzwischen, mit Bestimmtheit zu sagen, dass er Hunger hat oder einfach nur Nähe spüren willst. Das war anfangs nicht immer der Fall. Und gibt eine Sicherheit, die sich gut anfühlt. Gleichzeitig überrascht es mich jeden Tag aufs Neue und zeigt mir, dass sich da nicht nur ein Teil von mir, sondern auch eine eigenständige, kleine Persönlichkeit entwickelt. Dass widersprüchliche Gefühle zum Muttersein dazu gehören, auch das habe ich in den letzten Wochen gelernt. Aus einer Mutter und einem Neugeborenen, die sich aneinander gewöhnen, ist ein kleines Familien-Team geworden.

Krisen-Intervention: Mama-Instinkt hin oder her,
diffuse Ängste machen einem das Leben nur schwerer

Nach 100 Tagen hab ich nach wie vor Respekt vor der Aufgabe. Kanzlerin, Busfahrer, Krankenschwester – alles Berufe, die mir Ehrfurcht einflößen. Für andere Menschen Verantwortung zu übernehmen, finde ich geradzu beängstigend. Und dann ist da auf einmal dieses kleine Menschlein, das ganz auf mich angewiesen ist. Man hat Sorge zu tragen, dass es überlebt, auflebt, dem Leben stand hält. Puh.

Nach 100 Tagen weiß ich, ich kann den Job – auch wenn ich Angst habe. Ich war und bin seit dem Tag, an dem ich wusste, dass er unterwegs ist, mit Ängsten konfrontiert, wie ich sie noch nie im Leben hatte. Gleichzeitig spüre ich aber auch eine ganz neue Form von Vertrauen und eine neue Selbstsicherheit, mit der ich dem Alltag und dem Leben begegne. Das hat die Natur gut eingerichtet. Schon in der Schwangerschaft habe ich gemerkt, dass Mutter zu werden sehr viel mit Instinkten zu tun hat. Lieber einmal mehr in sich hinein spüren und den Mut haben, auf sich selbst zu vertrauen. Positiv denken, sich nicht verrückt machen und machen lassen! So war es auch im Kreissaal, als um mich herum alles hektisch wurde und ich mich in dem Moment fragte, ob ich eine schlechte Mutter sei, weil ich so entspannt blieb und keine Sorge um das Baby spürte, obwohl ein besorgniserregendes CTG und grünes Fruchtwasser locker Anlass zur Panik gewesen wären. Inzwischen bin ich mir sicher, dass es einer meiner ersten echten Mama-Momente war: Ich habe einfach gespürt, dass es ihm gut geht. Aber Mamasein hat auf der anderen Seite auch ganz viel mit Ängsten zu tun, die manchmal diffus über einen herein brechen können.

Atmet er noch? Das muss ich nicht mehr zehn Mal in der Nacht checken

Atmet er noch? Das muss man vielleicht nicht zehn Mal in der Nacht checken, habe ich nach 100 Tagen längst festgestellt. Übrigens auch ein Grund, warum ich versuche, meinen schwangeren Freundinnen immer Mut und Optimismus zuzusprechen – Angsttechnisch fährt Mutter Natur nach der Geburt noch mal ganz andere Geschütze auf, da muss man gewappnet sein. Ansonsten ist dieser Instinkt eine feine Sache. Dass ich mein Leben dafür geben würde, nur damit es meinem Baby gut geht – das ist wohl eines der Gefühle, von denen alle immer sprechen und die man wirklich erst fühlen kann, wenn man selbst eine Mutter ist.

Image-Pflege: Ich bin eine Frau, vielleicht sogar noch bewusster als vorher

Nach 100 Tagen bin ich als Mama geboren und ich selbst geblieben. So wie in der Schwangerschaft zwei Herzen in mir schlugen, gibt es jetzt zwei neue Gefühlswelten in mir. Denn neben der Angst gibt es auch dieses unendliche Glück, die Freude am Leben, die erfreulicherweise parallel mit dem Baby wächst. Wenn er plötzlich lacht in Momenten, in denen ich gar nicht damit rechne, wenn er anscheinend seine kleinen Ärmchen nach mir ausstreckt – dann möchte ich die ganze Welt umarmen und diese unbändige Liebe mit allen teilen (dabei versuche ich, mich mit dem Verschicken von Fotos an Freunde echt zurückzuhalten, obwohl es ständig Momente gibt, die ich so überwältigend und schön finde, dass ich sofort ein Bild machen und auf „Senden“ drücken möchte.). Ein Moment des Lachens von ihm kann einen ganzen Tag retten. Seinen Kopf an meiner Brust zu spüren, davon kann ich noch das ganze Leben zehren. Ich bin immer noch ich, ich mag die gleichen Sachen, ich liebe die gleichen Menschen und meine Visionen von der Zukunft gibt es immer noch. Ich bin eine Frau, vielleicht sogar noch bewusster als vorher. Um als Mama zu (über)leben, muss man fokussiert sein, lösungsorientiert und disziplinierter,  pragmatischer als man es je war. Und man darf sich gleichzeitig aber in ganz unbändiger Liebe und wunderbaren Gefühlen verlieren – herrlich!


Nach 100 Tagen weiß ich: für Diplomatie ist nicht immer Platz.
Es gibt Tage (sehr viele, um ehrlich zu sein), da bin ich so müde, gestresst und am Ende, dass ich kaum den Alltag bewältige. Gleichzeitig bin ich dankbar für jede Stunde, die dieser kleine Junge in meinem Leben ist und ich will die Zeit mit ihm maximal genießen. Ich bin stolz und staune so sehr über ihn. Ich mag die Demokratie der Mütter, in der in der Theorie jeder eine Meinung haben darf, und die Ratschläge, die man füreinander hat. Ein ganz neues Gemeinschaftsgefühl! Aber diplomatisch kann ich nicht immer sein. Die Entscheidungen, die ich treffe, sind für Casimir, meine Kraftreserven und für mich. Das mag nicht immer populär sein.

Ich muss keine Super-Mami, keine coole Kanzlerin der Herzen sein

Diese 100 Tage mit Dir, lieber Casimir, waren intensiv, extrem und die schönsten meines Lebens! Vieles kam auf den Prüfstand – die Ansprüche an mich selbst, Freundschaften, das neue Rollenverständnis als Vater und Mutter und die Vorstellungen von diesem Lebensabschnitt. Nicht alles ist gekommen wie ich es mir gewünscht habe oder konnte dem Angestrebten Stand halten. Viele Erwartungen wurden nicht erfüllt. Vieles hab ich nicht so hingekriegt, wie ich es vorgehabt hatte. Einiges ist richtig blöd gelaufen. Das macht mich traurig. Aber immer öfter auch zufrieden. Denn – Überraschung – vieles ist trotzdem so viel besser als gedacht! Und immer mehr verstehe ich, was wirklich wichtig ist. Denn das Glück mit Dir braucht keine perfekte Umgebung, keine Vielzahl an Must-have-Instagram-Hype-Accessoires (auch wenn ich sie natürlich gerne hätte). Ich will gar keine Mama werden, die sich innerlich zerreißt, um alles und jedem gerecht zu werden, dabei immer ein offenes Ohr für jeden hat, hinter das sie sich eine gestylte Haarsträhne streicht. Ich muss keine Super-Mami (selbst wenn das Kompliment sehr freut), keine coole Kanzlerin der Herzen sein. Denn das große Glück in diesem „Job“ bist einfach Du und das, was wir miteinander haben, was wir füreinander fühlen! Ich verlängere die Amtszeit – bitte auf eine gaaaanz lange Lebenszeit – und Danke Dir für das Vertrauen, das Du mir schon Monate vor Deiner Geburt geschenkt hast und jeden Tag aufs Neue – und sei es nur mit einem Lachen – aussprichst.

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